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ADHS und Partnerschaft: „Bei der Arbeit klappt es doch auch!“

Aus Sicht von Theo (Link klicken für Charakterbeschreibung und Bild).

Theo
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Ich bin Theo, 29 Jahre alt. Sport ist meine Leidenschaft – am liebsten draussen in der Natur. Generell bin ich gerne sehr zielstrebig, aber wenn ich ganz ehrlich bin auch etwas chaotisch. Bei der Arbeit funktioniert die Ordnung, zu Hause bin ich oft einfach zu ausgelaugt. Nach aussen wirke ich oft sehr ruhig, aber in mir brodelt es häufig – mehr als ich meistens zugeben will.

Lesezeit: ca. 12 Minuten


Es war kurz nach sieben, als Theo die Wohnungstür öffnete. Er hatte einen langen Arbeitstag hinter sich. Back to Back Meetings, unzählige E-Mails und eine Präsentation, die er in letzter Minute noch fertiggestellt hatte. Sein Chef war zufrieden gewesen – sehr sogar. Ein gutes Gefühl.

Er stellte seine Tasche ab, zog seine Schuhe aus und ging ins Wohnzimmer. Seine Freundin sass auf dem Sofa.

«Hey Schatz!», sagte Theo und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Sie erwiderte ihn kaum.

«Du hast nicht eingekauft, oder?»

Mist.

Theo blieb stehen. Er hatte es tatsächlich vergessen. Schon wieder. Er spürte, wie sein Gesicht warm wurde, sein Kiefer spannte sich an.

«Scheisse, tut mir leid. Ich hatte heute so viel um die Ohren. Ich geh noch schnell los, ok?»

Seine Freundin legte das Handy weg und schaute ihn an.

«Theo, darum geht es nicht. Du hast mir heute Morgen versprochen, dass du einkaufen gehst. Ich habe extra gefragt, weil ich heute keine Zeit hatte.»

«Ja, ich weiss. Tut mir doch leid. Es war so viel los. Ich bestell’ uns was!»

«Aber das sagst du jedes Mal!»

Theo spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Er presste seine Finger in der Hosentasche im Pinzettengriff aufeinander. Er kannte diesen Ton. Und er wusste ziemlich genau, was jetzt kommen würde.

«Bei der Arbeit bekommst du doch auch alles auf die Reihe. Da vergisst du offenbar keine Termine und kannst dich organisieren. Aber zu Hause funktioniert plötzlich gar nichts mehr. Ich verstehe es einfach nicht.»

Da war er. Dieser Satz. Immer und immer wieder.

Theo ballte die Faust in der Hosentasche. Wut. Über seinen Rücken schwappte eine heisse Welle.

«Glaubst du ernsthaft, ich mache das absichtlich?»

«Nein, aber ich kann mich doch nicht immer um alles kümmern!»

«Das musst du doch auch gar nicht! Ich habe gesagt, ich bestell uns was. Ich geh’ morgen einkaufen, versprochen!»

«Du verstehst es einfach nicht, oder? Ich will nicht ständig daran denken müssen, was du vergessen könntest!»

Theo schwieg.

Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Vermutlich hatte es sowieso keinen Sinn überhaupt zu antworten. Einerseits hatte sie recht. Er vergass ständig irgendwelche Dinge. Einkäufe, Rechnungen, Verabredungen. Letzte Woche hatte er die Wäsche zwei Tage in der Maschine liegen lassen. Und seine Sportsachen lagen auch noch immer mitten im Schlafzimmer. Er wusste, dass ihr Ordnung wichtig war. Ihm eigentlich auch. Aber er schaffte es einfach nicht.

Andererseits hatte er heute acht Stunden lang alles gegeben. Er hatte sich konzentriert, Aufgaben erledigt und sich immer wieder selbst daran erinnert, bloss nichts zu vergessen. Sein Kalender war voller Einträge und Erinnerungen. Ohne die würde vermutlich auch bei der Arbeit einiges schieflaufen.

Aber wie sollte er ihr das erklären?

Dass er abends manchmal einfach nicht mehr konnte, seine Kapazität aufgebraucht war? Dass er selbst nicht verstand, weshalb er sich an komplizierte berufliche Abläufe erinnern konnte, aber auf dem Heimweg am Supermarkt vorbeilief, obwohl er am Morgen noch fest vorgehabt hatte, einzukaufen?

«Ist ja gut», murmelte er schliesslich. «Ich bin halt wieder der Idiot.»

Seine Freundin schaute ihn enttäuscht an.

«Das hast du gesagt, nicht ich.»

Dann drehte sie sich weg.

Theo ging ins Schlafzimmer. Eigentlich hatte er nach der Arbeit noch eine Runde laufen wollen. Draussen war es angenehm kühl, und er wusste, dass ihm die Bewegung guttun würde.

Stattdessen setzte er sich aufs Bett.

Warum kriege ich das eigentlich nicht hin? Ich gebe mir doch alle Mühe. Aber irgendwie reicht es nie. Bin ich einfach zu dumm dazu?

Im Wohnzimmer stellte seine Freundin unterdessen die Teller auf den Tisch.

Auch sie war erschöpft.

Sie wollte Theo nicht ständig kritisieren. Sie wusste, dass er ADHS hatte und dass ihm manche Dinge schwerer fielen. Sie war schon froh, dass er vor einem halben Jahr die Abklärung machte, nachdem eine Freundin von ihnen eine Diagnose erhalten hatte, sahen Theo und sie deutliche Parallelen und Theo beschloss sich anzumelden. Aber auch sie arbeitete den ganzen Tag. Und manchmal hatte sie das Gefühl, nicht nur ihre eigenen Aufgaben erledigen zu müssen, sondern auch noch für seine mitdenken zu müssen.

Sie vermisste es, sich einfach auf ihn verlassen zu können. Während dem Studium hatte das alles noch problemlos geklappt! Aber dann kam der Job, die Katzen, der Ehrgeiz, befördert zu werden…

Und Theo vermisste es, nicht ständig das Gefühl zu haben, etwas falsch zu machen. Früher schätzte sie, dass er so spontan war. So begeisterungsfähig – und manchmal sprunghaft.

Dabei wollten sie doch eigentlich beide dasselbe: einen schönen, ruhigen Abend miteinander verbringen.

Hinweis: Theo und seine Partnerin sind fiktive Personen. Die beschriebenen Schwierigkeiten und Beziehungsmuster können unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung auftreten. Die Geschichte dient dazu, mögliche Auswirkungen von ADHS auf Partnerschaften anschaulich zu machen.

ADHS und Partnerschaft: Wenn aus kleinen Problemen grosse Konflikte werden

Theo und seine Freundin erleben eine Situation, die in vielen Partnerschaften vorkommen kann.

Ein Partner vergisst etwas, der andere ärgert sich darüber. Eigentlich keine grosse Sache. Schliesslich vergisst jeder Mensch hin und wieder etwas. Einzelne Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Vergesslichkeit oder Organisation kennt fast jeder Mensch. Eine ADHS liegt jedoch nicht bereits deshalb vor, weil man sich in solchen Erfahrungen wiedererkennt. Entscheidend sind unter anderem die Ausprägung, die Dauer und die Auswirkungen der Symptome auf verschiedene Lebensbereiche.

Schwierig wird es, ob mit oder ohne ADHS allerdings, wenn solche Situationen immer wieder auftreten.

Bei Menschen mit einer ADHS können insbesondere Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit, dem Arbeitsgedächtnis, der Planung und der Selbstorganisation den gemeinsamen Alltag beeinflussen.

Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ADHS grundsätzlich unzuverlässig sind. Es kann aber bedeuten, dass bestimmte alltägliche Aufgaben deutlich mehr bewusste Steuerung und Anstrengung erfordern.

Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von Wymbs und Kolleg:innen (2021) zeigt, dass ADHS bei Erwachsenen mit verschiedenen Schwierigkeiten in romantischen Beziehungen verbunden sein kann. Dazu gehören unter anderem Konflikte, eine geringere Beziehungszufriedenheit und Schwierigkeiten bei der gemeinsamen Alltagsgestaltung. Die Forschung betont allerdings auch, dass die zugrunde liegenden Prozesse noch nicht vollständig verstanden sind. Wiley Online Library

Wenn das bekannt vorkommt, kann eventuell eine Paartherapie in Frage kommen.

Warum funktioniert Theo bei der Arbeit, aber zu Hause nicht?

Diese Frage beschäftigt nicht nur seine Freundin. Auch Theo selbst versteht den Widerspruch manchmal nicht.

Eine mögliche Erklärung liegt in den unterschiedlichen Anforderungen.

Bei der Arbeit gibt es häufig feste Termine, vorgegebene Abläufe und klare Erwartungen. Auch unmittelbare Konsequenzen können dabei helfen, Aufgaben zu priorisieren. Zudem liebt er seine Arbeit. Bei besonders interessanten Aufgaben kann er sich manchmal so intensiv vertiefen, dass er Essen, Trinken oder sogar den Toilettengang vergisst. Dieses Phänomen wird im Zusammenhang mit ADHS häufig als Hyperfokus beschrieben.

Theo hat ausserdem gelernt, seine Schwierigkeiten durch verschiedene Strategien auszugleichen. Er verwendet Kalender, Erinnerungen und Aufgabenlisten. Das hilft ihm, bei der Arbeit zuverlässig zu sein.

Allerdings kostet ihn diese Selbstorganisation möglicherweise viel Kraft.

Zu Hause fehlen manche dieser äusseren Strukturen. Aufgaben müssen häufiger selbst erkannt, geplant und zum richtigen Zeitpunkt erledigt werden.

Und nach einem anstrengenden Arbeitstag stehen Theo vielleicht weniger Ressourcen dafür zur Verfügung.

Dass jemand bei der Arbeit gut funktioniert, bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ihm dieselbe Selbstorganisation zu Hause genauso leichtfällt.

Wichtig ist allerdings: Diese Erklärung ist nicht bei allen Menschen mit ADHS gleichermassen zutreffend. Und auch andere Faktoren wie berufliche Überlastung, Schlafmangel oder psychische Belastungen können eine Rolle spielen.

Wenn aus Vergesslichkeit ein Gefühl von Ablehnung wird

Das eigentliche Problem zwischen Theo und seiner Freundin ist inzwischen nicht mehr nur der vergessene Einkauf.

Es sind die Gefühle und Bedeutungen, die beide mit solchen Situationen verbinden.

Seine Freundin denkt möglicherweise:

«Wenn ich ihm wirklich wichtig wäre, würde er doch daran denken.»

Theo hingegen denkt:

«Egal, wie viel Mühe ich mir gebe, ich bin einfach nicht gut genug.»

Beide erleben etwas Schmerzhaftes.

Für seine Freundin entsteht zunehmend das Gefühl, mit der Verantwortung für den gemeinsamen Alltag allein zu sein.

Theo hingegen erlebt die Kritik möglicherweise als Bestätigung seiner eigenen Selbstzweifel.

In einer qualitativen Studie von Zeides Taubin und Maeir (2024) berichteten Partnerinnen von Männern mit ADHS unter anderem über Belastungen durch die Alltagsorganisation und zusätzliche Verantwortung innerhalb der Beziehung. Die Untersuchung umfasste allerdings nur 13 Frauen und ist deshalb nicht repräsentativ für alle Partnerschaften mit ADHS. PubMed

Auch die andere Perspektive findet sich in der Forschung wieder.

O’Brien und Kolleg:innen (2026) untersuchten in einer qualitativen Studie, wie Menschen mit ADHS ihre romantischen Beziehungen erleben. Wiederkehrende Themen waren unter anderem die Angst vor Zurückweisung, ein belastetes Selbstbild und das Gefühl, innerhalb der Partnerschaft eine Last zu sein. Die Ergebnisse beschreiben subjektive Erfahrungen und erlauben keine Aussagen darüber, wie häufig diese Muster bei allen Menschen mit ADHS vorkommen. PubMed Central (PMC)

Bei Theo könnten solche Gefühle eine wichtige Rolle spielen.

Er schämt sich dafür, dass er wieder etwas vergessen hat. Gleichzeitig möchte er sich gegen den Vorwurf wehren, sich nicht genügend anzustrengen.

Aus seiner Scham wird Wut.

Seine Freundin erlebt diese Wut wiederum als Abwehr ihrer berechtigten Bedürfnisse.

Und schon entsteht ein Teufelskreis:

Vergesslichkeit → Enttäuschung → Kritik → Scham → Rechtfertigung oder Rückzug → noch mehr Enttäuschung.

Mit der Zeit kann es passieren, dass beide immer weniger über das eigentliche Problem sprechen und stattdessen zunehmend gegeneinander kämpfen.

Dabei ist wichtig: ADHS kann bestimmte Schwierigkeiten erklären. Es bedeutet aber nicht, dass Theo keine Verantwortung für sein Verhalten trägt.

Ebenso wenig bedeutet das Wissen um seine ADHS, dass seine Freundin ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen muss.

Die Herausforderung liegt darin, Verständnis füreinander zu entwickeln und gleichzeitig gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden.

Was können Theo und seine Freundin tun?

Glücklicherweise müssen sich solche Beziehungsmuster nicht immer weiter verstärken.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit ADHS-bedingten Schwierigkeiten im Alltag umzugehen und gleichzeitig die Beziehung zu entlasten.

Einige davon schauen wir uns im Folgenden gemeinsam an.

1. Hinter die Vorwürfe schauen

Bei vielen Konflikten geht es um mehr als das, worüber gerade gestritten wird.

Für Theos Freundin geht es nicht nur um den Einkauf. Vielleicht geht es darum, sich mit der Verantwortung allein zu fühlen.

Für Theo geht es nicht nur um ihre Kritik. Vielleicht geht es darum, sich trotz aller Anstrengungen nicht gut genug zu fühlen.

Eine hilfreiche Übung kann deshalb sein, sich zu fragen:

Was hat mich an dieser Situation eigentlich so verletzt oder wütend gemacht?

Und anschliessend:

Was könnte mein Gegenüber in diesem Moment empfunden haben?

Dabei geht es nicht darum, die eigene Perspektive aufzugeben. Es geht vielmehr darum, den Konflikt besser zu verstehen.

Vielleicht würde Theos Freundin dann sagen:

«Ich weiss, dass du nicht absichtlich Dinge vergisst. Aber manchmal fühle ich mich mit unserem Alltag ziemlich allein.»

Und Theo könnte antworten:

«Ich verstehe das. Gleichzeitig merke ich, dass ich bei solchen Gesprächen sofort das Gefühl bekomme, wieder versagt zu haben. Dann werde ich wütend, obwohl ich eigentlich enttäuscht von mir selbst bin.»

Damit wäre der Einkauf noch immer nicht erledigt.

Aber die beiden würden plötzlich über etwas sprechen, das für ihre Beziehung wesentlich wichtiger ist.

2. Verantwortung sichtbar und fair verteilen

In einer Partnerschaft besteht Verantwortung nicht nur darin, Aufgaben tatsächlich zu erledigen.

Jemand muss auch daran denken, dass sie überhaupt erledigt werden müssen.

Einkaufen bedeutet beispielsweise nicht nur, im Supermarkt die richtigen Produkte in den Korb zu legen. Jemand muss auch feststellen, was fehlt, überlegen, wann eingekauft werden kann, und den Einkauf entsprechend organisieren.

Diese unsichtbare Planungsarbeit wird häufig als Mental Load bezeichnet.

Für Theo und seine Freundin könnte es deshalb hilfreich sein, ihre gemeinsamen Aufgaben einmal vollständig aufzuschreiben.

Dabei sollten sie nicht nur festlegen, wer etwas erledigt, sondern auch, wer dafür verantwortlich ist, dass daran gedacht wird.

Wenn Theo den Einkauf übernimmt, sollte seine Freundin nicht gleichzeitig die Aufgabe haben, ihn täglich daran zu erinnern.

Das würde ihre Belastung langfristig kaum verringern.

3. Das Gedächtnis entlasten

Theo verwendet bei der Arbeit bereits Kalender und Erinnerungen.

Warum also nicht auch zu Hause?

Gerade bei Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Selbstorganisation können äussere Hilfsmittel den Alltag erleichtern.

Dazu gehören beispielsweise gemeinsame Kalender, automatische Erinnerungen, feste Abläufe oder sichtbare Aufgabenlisten.

Die NICE-Leitlinie zur Behandlung von ADHS empfiehlt ausdrücklich, Umgebungsbedingungen anzupassen und bei Bedarf strukturierte psychologische Unterstützung einzusetzen. NICE

Wichtig ist allerdings, dass die gewählten Strategien zu den beteiligten Personen passen.

Vielleicht funktioniert für Theo eine Erinnerung, die automatisch erscheint, wenn er die Arbeit verlässt.

Vielleicht hilft ihm ein fester Einkaufstag. 

Oder vielleicht ist eine gemeinsame Einkaufsliste auf dem Smartphone die einfachste Lösung.

Entscheidend ist nicht, möglichst viele Hilfsmittel einzusetzen, sondern solche zu finden, die tatsächlich im Alltag funktionieren. Wichtig ist, eine Routine zu etablieren – egal wie sie aussieht.

4. Die eigenen Grenzen ernst nehmen

Theo ist nach der Arbeit häufig erschöpft.

Auch seine Freundin hat einen anstrengenden Alltag.

Es wäre deshalb wenig hilfreich, einfach von beiden zu verlangen, dass sie sich noch mehr anstrengen.

Vielleicht braucht Theo nach der Arbeit zunächst eine kurze Pause oder Bewegung, um wieder etwas zur Ruhe zu kommen.

Seine Freundin braucht gleichzeitig das Vertrauen, dass vereinbarte Aufgaben nicht einfach liegen bleiben.

Beides darf und muss Platz haben bzw. bekommen.

Eine mögliche Vereinbarung könnte deshalb lauten:

Theo geht nach der Arbeit zunächst eine halbe Stunde laufen. Anschliessend kümmert er sich um die Aufgaben, für die er verantwortlich ist.

Dafür müssen die beiden allerdings gemeinsam besprechen, welche Aufgaben zeitlich flexibel sind und welche nicht.

Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse und Verantwortung innerhalb der Partnerschaft schliessen sich nicht gegenseitig aus.

5. Nicht nur Probleme besprechen

Wenn eine Partnerschaft über längere Zeit belastet ist, kann sich die gemeinsame Aufmerksamkeit zunehmend auf das konzentrieren, was nicht funktioniert.

Dann fallen vor allem die vergessenen Aufgaben, die gereizten Reaktionen und die unerfüllten Erwartungen auf.

Was gut läuft, wird dagegen schnell selbstverständlich.

Deshalb kann es hilfreich sein, sich bewusst Zeit für die positiven Seiten der Beziehung zu nehmen.

Was schätze ich an meinem Gegenüber?

Wann haben wir uns zuletzt miteinander verbunden gefühlt?

Was gelingt uns trotz unserer Schwierigkeiten?

Vielleicht liebt Theos Freundin gerade seine Spontaneität und Begeisterungsfähigkeit. Vielleicht schätzt Theo an ihr, dass sie auch in schwierigen Situationen versucht, den Überblick zu behalten.

Diese Eigenschaften lösen ihre Probleme nicht automatisch.

Aber sie können dabei helfen, sich wieder daran zu erinnern, weshalb man eigentlich gemeinsam an der Beziehung arbeiten möchte.

ADHS erklärt nicht alles – aber es kann helfen, einander besser zu verstehen

Theo und seine Freundin werden vermutlich auch in Zukunft unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Und wahrscheinlich wird Theo gelegentlich wieder etwas vergessen.

Das Ziel kann deshalb nicht sein, dass nie wieder ein Fehler passiert oder beide immer vollkommen verständnisvoll miteinander umgehen.

Viel wichtiger ist, dass sie zunehmend besser verstehen, was zwischen ihnen geschieht, wenn Schwierigkeiten auftreten.

Vielleicht kann Theo lernen, seine ADHS-bedingten Herausforderungen besser zu berücksichtigen und Verantwortung so zu übernehmen, dass seine Freundin tatsächlich entlastet wird.

Und vielleicht kann seine Freundin lernen, manche seiner Schwierigkeiten weniger als Ausdruck mangelnder Zuneigung zu interpretieren.

Beides braucht Zeit.

Wenn Konflikte bereits sehr festgefahren sind, kann auch eine Paartherapie hilfreich sein. Dort geht es nicht darum, herauszufinden, wer von beiden recht hat, sondern darum, die gemeinsamen Beziehungsmuster besser zu verstehen und neue Möglichkeiten im Umgang miteinander zu entwickeln.

Denn am Ende wollen Theo und seine Freundin vermutlich nicht über einen vergessenen Einkauf streiten.

Sie möchten sich aufeinander verlassen können, sich verstanden fühlen und wieder mehr Zeit damit verbringen, ihre Beziehung zu geniessen.

Und das ist trotz ADHS durchaus möglich.

Quellen

Wymbs, B. T., Canu, W. H., Sacchetti, G. M., & Ranson, L. M. (2021). Adult ADHD and romantic relationships: What we know and what we can do to help. Journal of Marital and Family Therapy, 47(3), 664–681.

https://doi.org/10.1111/jmft.12475

Zeides Taubin, D., & Maeir, A. (2024). “I wish it wasn’t all on me”: Women’s experiences living with a partner with ADHD. Disability and Rehabilitation, 46(14), 3017–3025.

https://doi.org/10.1080/09638288.2023.2239158

O’Brien, M., Kini-Seery, C., Kelly, C., Kilbride, K., Wrigley, M., Nearchou, F., & Bramham, J. (2026). “I Felt Like a Burden”: An Exploration Into the Experience of Romantic Relationships for People With ADHD. Journal of Marital and Family Therapy, 52(1), e70097.

https://doi.org/10.1111/jmft.70097

National Institute for Health and Care Excellence (NICE). (2018, mit späteren Aktualisierungen). Attention deficit hyperactivity disorder: Diagnosis and management. Clinical guideline NG87.

https://www.nice.org.uk/guidance/ng87